1. Tag, Mittwoch, 01.11.2017: FLUG NACH ASIEN

Nachmittags Flug mit Emirates nach Dubai (nonstop, Flugdauer ca. 6 Std.).

Es ist 06:00 Uhr, als mein Wecker klingelt. Um 06:20h der zweite und schließlich um 06:30h der dritte. Als ich diesen höre, stehe ich allerdings bereits unter der Dusche. Erstaunlich, dass ich es im Urlaub schaffe früher aufzustehen als in einer Arbeitswoche. Aber heute ist – das möchte ich zu meiner Verteidigung anbringen – zwar bereits mein fünfter Urlaubstag, es ist aber nicht irgendein Urlaubstag, sondern DER Tag. Auf dem Weg ins Bad stolpere ich beinahe über meinen gepackten Rucksack, der am Fußende meines Bettes steht. So richtig wach bin ich dann wohl doch noch nicht. Mein Rucksack: Ein untrügliches Indiz dafür, dass es wieder einmal auf eine große Reise geht.

Das Timmelsjoch auf 2.491m Höhe. Blick auf das alte Zollhaus. Eine unbezahlbare Aussicht auf die umliegenden Berggipfel.

Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, gab es derer ja bereits zwei: Ende Juni/Anfang Juli war da zunächst meine Alpenüberquerung mit drei wunderbaren Menschen. Gestartet in Oberstdorf, immer den Fels vor Augen und das Ziel (die andere Seite der Alpen) im Blick, haben sie mich – wohl ohne es zu wissen – zu Dingen angetrieben, die ich selbst von mir nicht für möglich gehalten hätte. Klar ist es eine recht weite Entfernung von Oberstdorf nach Meran, aber mit dem Bus ist das bequem von München aus in 4,5 Stunden machbar (habe ich mit Flixbus bei der Rückreise ausprobiert). Das würde ich – mit dem nötigen Anreiz im Kopf – bestimmt des Öfteren machen. Nur bin ich dieses Mal zu Fuß gegangen, ungezählte 10.000 Höhenmeter bergauf und geschätzte 9.000 Höhenmeter wieder herunter. Bergauf, bergab, den ganzen Tag. Viele Tage hintereinander. Hätte mir im Vorfeld jemand gesagt, dass ich das schaffen würde, hätte ich ihn ausgelacht und geantwortet: „Dafür müsste ich das erst mal machen“. Hätte mir jemand im Vorfeld gesagt, dass ich das einmal machen würde, hätte ich ihn ausgelacht, mich umgedreht und wäre gegangen, wortlos.

Meinen Begleitern habe ich blind vertraut, dass sie mich über die Berge treiben würden, und auch, wenn das für sie das ein oder andere Mal vielleicht den genau entgegengesetzten Eindruck gemacht haben könnte: Genau das haben sie getan. Selten habe ich soviel Freude am Wandern empfunden wie in diesen Tagen, selten konnte ich mich so bedingungslos fallen lassen.

Meine zweite große Reise war der ersten recht ähnlich, aber dann doch ganz anders: Als ich 2014 in meine Wohnung eingezogen bin, habe ich auf dem Laternenmast vor dem Haus einen Muschel-Aufkleber entdeckt und mir vorgenommen, irgendwann einmal an diesem Punkt meinen Jakobsweg zu starten. Nach einem Testlauf im vergangenen Jahr (da bin ich in fünfzehn Tagen eine Strecke von vierhundert Kilometern von Porto über Santiago nach Finisterre gelaufen) habe ich das nun also im August in Angriff genommen. Mein einziger Plan war, dass ich, wenn ich sonntags von der Nature One heimkomme, gleich meinen Koffer auspacke, die Kleidung wasche und anschließend meinen Rucksack für die neuerliche Wanderung packe. Der Montag war als Starttag meiner Wanderung immer schon gesetzt.

Soweit die Theorie, es folgte die Praxis: Ich kam sonntags heim, war so zerstört, dass ich die Kleidung natürlich nicht gewaschen habe, zumal mein Sofa mich ungewohnt laut in seine Richtung gelockt hat. Der Sonntag lässt sich im Rückblick daher am besten folgendermaßen zusammenfassen: Es wurde Abend, es wurde Morgen, ein neuer Tag. Montag morgen beim Aufwachen war ich dann fest davon überzeugt, dass Dienstag sowieso ein perfekter Tag zum Loslaufen ist, habe dann den ganzen Morgen damit verbracht die Zeit totzuschlagen (aus Verzweiflung über deren langsames Fortschreiten habe ich sogar irgendwann die Wäsche gewaschen und getrocknet), bis ich um 12:00h den total bescheuerten Plan fasste doch noch loszulaufen.

In Rothenstein, Bayern, nimmt man es sehr genau. Ist aber auch wichtig, denn klar ist: Auch beim Pilgern gibt es klare Regeln. Regel Nummer 1: Nicht zu schnell pilgern!

Das Wetter war perfekt – ich startete um 12:45h bei strahlendem Sonnenschein und 25°C (aber nicht unangenehm warm), die Kilometer rutschten mir nur so unter den Schuhsohlen durch, es wurde irgendwann dunkel und ich lief durch eine traumhaft schöne Nacht (das war am 07. August, aufgrund der Mondfinsternis eine ganz besondere Nacht). Nach einer 49km-Etappe habe ich letztlich zwischen Kirch-Siebnach und Siebnach meinen Biwak-Sack neben einem Maisfeld ausgerollt und mich ins Gras gelegt. Die Option eines Pensionszimmers fiel flach, da um 23:45h keine Pension mehr auf hatte (ganz abgesehen davon, dass es dort eh keine gab). An diesem Tag – wie auch an den folgenden 16 Tagen – sind mir kaum Menschen begegnet, so dass ich viel Zeit mit mir und meinen Gedanken verbringen konnte. Das ein oder andere Mal hätte ich mich stattdessen vielleicht besser mit Planung befasst, dann wäre vieles einfacher gewesen. Dann hätte ich vielleicht auch eine bessere Streckenplanung gehabt und mir unzählige Kilometer Umweg erspart. Dann hätte ich auch nicht erst in Österreich gemerkt, dass mein Wanderführer dort zwar aufhört, ich aber noch weiterlaufen wollte. Andererseits würde ich dann jetzt auch nicht die vielen schönen kleinen Buchläden in Bregenz und Rorschach kennen, in denen ich nach einem Wanderführer für den Schweizer Jakobsweg gesucht habe. Merke: Mein Weg war oftmals weniger ein Kampf gegen die Straße als vielmehr ein Kampf gegen mich selbst. Das (vorläufige) Ende meiner Reise markierten 500 gelaufene Kilometer, ein Zielfoto vor der Kathedrale von Fribourg in der Schweiz und ein von dort stammender Stempel in meinem Pilgerpass. Bis Santiago de Compostela sind es nun noch etwas mehr als 2.000 Kilometer, in Anbetracht meines persönlichen Ziels (ich möchte 2021 in Santiago ankommen) liege ich gut in der Zeit.

Da aufgrund des Wetters eine Fortsetzung des Camino im November eher unklug wäre (im Jura-Gebirge und im Zentralmassiv müsste ich mich durch teilweise tiefen Schnee kämpfen und deswegen auch um Unterkünfte bangen), habe ich mich zwecks Abbau meines Resturlaubs tatsächlich (hört, hört!) für einen Entspannungsurlaub entschieden.

Nachdem ich mir selbst bereits im August eindrucksvoll bewiesen hatte, dass Planung und Vorbereitung eher nicht so meine Kernkompetenz sind, war eines klar: Es musste wieder eine organisierte Gruppenreise werden. Das Ziel war mir eigentlich auch schon länger klar, denn ich möchte irgendwann einmal nach Fès reisen. Wer mich kennt, kann erahnen warum: Rory Gilmore schwärmt in geschätzt jeder zweiten Folge der Serie „Gilmore Girls“ von Fès und sagt, dass sie da unbedingt mal hin möchte. Und jedes Mal frage ich mich, was so faszinierend an Fès sein soll, dass Rory dort hin möchte. Nachdem der Termin dann auch feststand und der Urlaub eingetragen und genehmigt war, habe ich es erfolgreich drei Wochen lang nicht geschafft ins Reisebüro zu gehen, und als ich endlich dort war, war die Marokko-Reise ausgebucht.

Plan B: Indien. Terminlich hätte das vielleicht geklappt, aber ich hätte lediglich drei Wochen Zeit gehabt um an ein Visum zu kommen. So wurde es dann schließlich ganz spontan Thailand – da war ich schon mal, da weiß ich ungefähr, was auf mich zukommt.

Vor zwei Wochen bin ich dann noch schnell zum Arzt um meine Impfungen überprüfen zu lassen. Das hätte ich besser mal sein gelassen, denn während des Beratungsgespräches wurde die Liste der Ärztin immer länger. Nie hätte ich auch nur im Entferntesten geahnt, was ein Mensch für Impfungen bekommen und brauchen kann. Am Ende sah der Plan dann aus wie folgt:

11. Oktober: Beratungsgespräch und Besorgung diverser Impfstoffe
12. Oktober: Hepatitis A+B (1/2) und FSME
14. Oktober: Typhus 1/3
16. Oktober: Typhus 2/3
18. Oktober: Typhus 3/3
19. Oktober: Tetanus, Diphterie, Polio
23. Oktober: Masern, Mumps, Röteln
26. Oktober: Hepatitis A+B (2/2)

Erkenntnis 1: Wer das überlebt, darf auch nach Thailand.
Erkenntnis 2: Wer das durchzieht, hat keine Zeit für Nervosität im Vorfeld.

Ein mittlerweile gewohntes Bild: Mein Rucksack als treuer Wegbegleiter. Diesmal allerdings ohne Jakobsmuschel.

So kommt es auch, dass ich heute morgen tiefenentspannt aufstehe, dusche, meinen Rucksack schnappe und mich auf den Weg zum Flughafen mache. Abflug ist zwar erst um 14:30h und ich werde viel zu früh am Flughafen sein, aber sicher ist sicher – ich kenne mich ja…

Plötzlich geht alles ganz schnell, ich treffe die ersten fünf Mitstreiter, wir gehen zum Gate, steigen ins Flugzeug ein und (zack!) sind wir – nun, da ich diese Zeilen schreibe – auch schon 90 Minuten vor Dubai.

Außer der Reisebuchung und dem Packen meines Rucksacks habe ich bisher nicht viel getan, und ich bin auch fest entschlossen, meinen Aktivitätsgrad in den nächsten 18 Tagen ziemlich genau auf diesem Level zu halten. Das wird definitiv eine Herausforderung werden, die auch noch in drei Tagen Badeurlaub in Phuket gipfelt. Da sehe ich ich ja noch lange nicht, zumindest nicht ohne verrückt zu werden. Meine Kollegen haben im Vorfeld schon gewitzelt, ich könne ja die Gruppe im letzten Hotel vor Phuket verlassen und dann zu Fuß nach Phuket laufen. Das mag ich momentan nicht kategorisch ausschließen und werde gegebenenfalls entsprechendes noch berichten.

Positiv bisher: Der erste Teil der Reisegruppe besteht aus fünf sympathischen Mitstreitern, die restlichen sechzehn treffen wir gleich in Dubai. Nach bereits vier Marco-Polo-Reisen kann mich in Bezug auf Programm und Hotels eigentlich nichts mehr schocken, aber die Reisegruppe muss einfach passen. Drückt mir die Daumen, dass das so kommt, denn dann ist eines vollkommen klar: Das wird großartig!

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